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Dipl.-Psych. Klaus Steinborn

Psychoanalytiker

„Wenn ich mit großer Achtsamkeit schaue,
sehe ich
das Lächeln im Herzen des Pferdes !“

Über Achtsamkeit, Einfühlen, Nicht-Anhaften und Schwingen.
Meditation, Psychotherapie, Pferde und Arbeit in der lebendigen Natur.

Der Abt eines Klosters im fernen Osten wollte die Decke einer großen Halle mit einem Dra¬chen schmücken lassen. Ein berühmter Maler wurde mit der Arbeit betraut. Er nahm den Auftrag an, klagte aber sogleich, daß er noch niemals einen wirklichen Drachen gesehen habe und zweifelte, ob es überhaupt welche gäbe. Der Abt aber sagte zu ihm: “ Kümmere Dich nicht darum, daß Du so ein Wesen nicht gesehen hast. Werde zu einem, verwandle Dich in einen lebendigen Drachen und male ihn. Versuche nicht, den üblichen Schablonen zu folgen.“
Der Künstler fragte: „Wie kann ich ein Drache werden?“
Der Abt antwortete: “ Zieh Dich in Dein Privatgemach zurück und konzentriere Deinen Geist darauf. Die Zeit wird kommen, wo Du fühlst, daß Du einen Drachen malen mußt. Das ist der Augenblick, wo Du zum Drachen geworden bist und der Drache Dich drängt, ihm Gestalt zu verleihen.“
Nach Monaten angestrengten Bemühens wurde der Maler zuversichtlich, weil er sich aus seinem Unbewußten heraus im Drachen sah. Und er malte ein wunderbares Drachenbild.

Ein anderer Maler wollte auch einmal einen Drachen malen und sehnte sich nach einer guten Gelegenheit, einen Drachen zu sehen. Als eines Tages plötzlich ein lebendiger Dra¬che zum Fenster hereinsah und rief: „Hier bin ich, male mich!“ ,war der Maler so überwäl¬tigt, daß er in Ohnmacht fiel, anstatt ihn genau zu betrachten. Er hat kein Bild eines leben¬digen Drachen geschaffen. (D.T. Suzuki)

Es ist nicht genug für uns, nur mit den Augen etwas anzusehen, nur ein Ding von außen zu betrachten. Es geht darum – während wir sie selbst erschaffen – in unsere Welt einzudringen, sie innen zu erfühlen, sie in uns selbst zu erfühlen.

Anhalten, nicht immer nur verstandesmäßig denken oder gar grübeln, darum geht es. Einen Gegenstand ganz erfassen, ohne ihn zu zerpflücken oder zu zerlegen. Wir müssen „mit dem Bauch“ sehen. Mit dem „dritten Auge“ ? Im ZEN spricht man von der „Nicht-geteilten-Welt“ – wir sind mit allem ganz und stets verbunden.

Wir alle kennen den Begriff der „inneren Stimme“ und wir haben auch schon einmal gehört, daß man nur mit dem Herzen gut sehe. Doch wie viele Schwierigkeiten stehen dem entgegen. Und wie unmöglich ist es eben für einen seelisch erkrankten Menschen, seiner inneren Stimme zu trauen – denn nur zu oft sind es hier die Stimmen der Angst, der Sehnsucht, der Triebhaftigkeit oder des Größenwahns und der Minderwertigkeit, die laut rufen.

Also, im Za Zen setze ich mich zur Meditation hin und versuche, mein Selbst anzuhalten, meinen Geist leerer zu machen – und danach ganz langsam aufzustehen, um die Welt und mich selbst neu zu erleben.
Dieser Moment des Aufstehens, des Gewahrwerdens unserer Selbst und der Welt bildet nach Shunryu Suzuki die erste Stufe des Schöpferischen. Er spricht von dem Moment nach dem Za Zen, dem meditativen Sitzen.

„Wenn wir sitzen, sind wir nichts, wir erkennen nicht einmal, was wir sind. Wir sitzen nur. Doch wenn wir aufstehen, sind wir da! Das ist die erste Stufe der Schöpfung. Seid Ihr da, dann ist auch alles andere da; alles ist auf einmal erschaffen. Wenn wir aus dem Nichts auftauchen, wenn alles aus dem Nichts auftaucht, dann sehen wir alles als frische, neue Schöpfung. Das ist Nicht-Anhaften. Die zweite Art der Schöpfung ist, wenn Ihr handelt, erzeugt oder etwas herrichtet wie Essen oder Tee. Die dritte Art ist, etwas innerhalb Eurer selbst zu erschaffen, zum Beispiel Erziehung, Kultur, Kunst oder irgend eine Einrichtung für unsere Gesellschaft. So gibt es also drei Arten des Schöpferischen. Doch wenn Ihr die erste, die wichtigste, vergeßt, dann werden die anderen zwei Arten sein wie Kinder, die ihre Eltern verloren haben, und ihre Schöpfung wird nichts bedeuten.“ ( S. Suzuki: Zen-Geist, Anfänger-Geist)

Patienten erklären mir, daß sie in der Therapie mit den Pferden und in der körperlichen Arbeit in der Natur alles andere vergessen würden, ihren Alltag, ihre Sorgen, Ängste und Schmerzen. Sie seien gänzlich offen für die Erfahrung ihrer Selbst im Umgang mit den Tieren, den Pflanzen, dem Holz und dem nachhaltigen Leben:

Bodenarbeit mit dem Pferd
Konfrontation mit dem Ernährungskreislauf :
Weide, Wasser, Futter, Mist, Humus, Pflanzenbau
Holz rücken, Transporte mit Pferden, Zaunbau, einfache handwerkliche Tätigkeiten
Leben in der freien Natur
Ernährung durch Wildkräuter, Pilze, Bäume

Ob das wohl so ein Moment des Aufstehens ist, wo sie in der Therapie in das Hier und Jetzt eintreten und sich aktuell,frisch und wie neu einem Pferd und ihrem Therapeuten gegenüber wiederfinden? Weit entfernt von den Städten, den Medien und den zivilisatorischen Annehmlichkeiten. Wie kommen sie psychisch und seelisch mit sich zurecht, wenn sie sich in der Natur begegnen? Aus ihrer Lebens-Geschichte und ihren Erinnerungen kommen die Kränkungen, Verletzungen und die unbewussten Konflikte. Aus verdrängten und unbewusst gebliebenen Konflikten entstanden ihre Depressionen.

Die erste Stufe der Schöpfung sei, wenn wir auftauchen, also wir selbst werden, uns gestalten oder endlich wieder finden.

Nur – die kranken Menschen in unserer Gesellschaft sind ja gerade dadurch gekennzeichnet, daß sie in ihrer Selbstwerdung verbogen, verschoben, unterdrückt oder verführt worden sind. „Unsere Selbstwerdung vergessen, die erste Stufe der Schöpfung nicht vollziehen oder falsch aufbauen“ – das würde der Psychoanalytiker vielleicht beschreiben in einem Kapitel über neurotische Psychodynamik, dazu gehören die psychischen Abwehrmechanismen und die Beschreibung der Bereiche, in denen die psychische Entwicklung eines Menschen angehalten und verbogen worden ist.

Der Mensch ist das Lebewesen, welches die meisten Ängste kennt in dieser Welt. Mehr Ängste als ein Pilz, mehr als ein Hund und mehr als eine Forelle. Wir begegnen diesen Ängsten bekannterweise durch die Veränderung unserer Umwelt, auch durch das Vergewaltigen der Natur. Wir können uns Lebensräume in der Arktis schaffen, in der Sahara – vielleicht sogar auf dem Mond. Wir haben uns sogar das Feuer ins Haus geholt – und welches Lebewesen tut das schon?

Aber – so wie wir mit unseren Händen und unserem bewußten Verstand manipulieren, arbeiten wir auch an unserer Seele. Um den Ängsten und den Schmerzen zu entkommen, haben wir ein ganzes Repertoire von Mechanismen entwickelt in der Unterdrückung und Abwehr unserer Ängste. Nur, die Ängste verbleiben oft tief in unserer Seele.

Es gilt für jeden Menschen, mit der jeweiligen Lebenssituation zurecht zu kommen, zu überleben, die beste Lösung zu finden für den Alltag.
Unbemerkt von unserer bewußten Wahrnehmung passen wir so unsere Gefühle an, ändern Sinneseindrücke, interpretieren Beziehungen, projizieren, introjizieren, verdrängen, ersetzen durch Gegenteile und so weiter in der Reihe der psychischen Abwehrmechanismen.

Der erste Schritt der Schöpfung stellt sich so oft dar als eine Reihe mehr oder weniger gelungener oder mißlungener Fluchtversuche – Flucht vor Angst und Schmerz. Das wichtigste menschliche Motiv ist wohl die Vermeidung von Schmerz. In einer therapeutischen Situation muß also Gelegenheit gegeben werden, dieses Sich-Herstellen eines Selbst für das Selbst erlebbar zu machen. Freud nannte dieses Vorgehen: Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten.

Wenn ich aufmerksam schaue …
Wie schaue ich eigentlich? Wie begegne ich denn anderen Lebewesen? Wie verhalte ich mich in der lebendigen Natur ?
Was ist dieses Ich denn nun, das all dieses tut? Es ist ein Ich, das nur wenigen, aber höchst bedrohlichen Grundängsten und Schmerzen entkommen muß. Es sind dies die Angst vor der körperlichen Verletzung, die Angst vor Liebesverlust, die Angst vor Mißbilligung und die Angst vor dem Verlust des mich liebenden Wesens.

In jeder Stunde Arbeit in und mit der Natur kann der Patient die therapeutische Situation begreifen als ein „Sich-Aufrichten“. Was wir dabei erarbeiten, sind Achtsamkeit und Ankommen im Hier und Jetzt. Eine gelingende Therapie ist ähnlich wie eine Geburt, die einen geschützten Raum benötigt. Der Maler „gebärt“ einen Drachen, der Patient geht vielleicht durch die Tore der Angst und der Schmerzen, um sein Selbst besser und gesünder zu formen.
Der Patient wird dabei in der Therapie nicht alleine gelassen. Er sucht Hilfe und Begleitung, die er durch Therapeut und Pferd bekommt.

Der Mensch gibt sich übrigens seine eigene Identität durch die eigene Definition, in seinem Denken! Wir bestimmen tatsächlich jeden Tag wieder, welche Identität wir uns zuschreiben wollen… Und hoffentlich nicht nur aus unseren Erinnerungen heraus.

Allen Untersuchungen über Psychotherapieformen und ihren Wirkungen ist ein Ergebnis gemeinsam. Wirkungsfaktoren sind die therapeutische Beziehung und die erlebte Kompetenz des Therapeuten. Wenn ich als Therapeut den kranken Menschen mit einem Therapiepferd konfrontiere, bringe ich einen dritten Partner ins Geschehen, der ebenfalls Kompetenz und Beziehungsfähigkeit mitbringt. Das Pferd reagiert schnell und direkt. Es zeigt seine Persönlichkeit, macht völlig klare Beziehungsaussagen. Diese Begegnung ist abhängig von der Entwicklung einer liebevollen und klaren Grundhaltung auf der Seite des Patienten.

Der Therapeut sorgt für einen therapeutischen Raum, der ein gewaltiges und oft bestürzend gefühlvolles Angebot enthält, der aber gleichwohl ein geschützter Raum bleibt. Es ist kein Drache, der seinen Kopf durch das Fenster hereinstreckt. Und der Patient sitzt auch nicht wochenlang in seinem Privatgemach. Sondern wir erleben in einem neuen Raum, in der direkten Begegnung mit der Natur, das Aufstehen, den ersten schöpferischen Akt, die vielleicht sogar wortlose und sehr gefühlvolle Aufrichtung des Selbst eines Patienten in der Beziehung zu einem völlig anderen Lebewesen. Der Patient schaut mehr und mehr mit seinem Bauch, die alten Abwehrmechanismen werden überwunden, überflüssig gemacht – sind irgendwann einfach nicht mehr nötig. Die Welt kann neu entstehen, wenn und weil der Patient sich neu „gebären“ kann, während er sich in der Arbeit mit Therapeut und Pferd in der Natur aufrichtet.

Das Ziel der Therapie mit der Hilfe von Pferden ist es, eine Haltung von Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu erreichen. In einer gelingenden Beziehung öffnet sich der Patient für seine innere Mitte, die glückliche und zufriedene Stille in der Tiefe seines Wesens ( E. Tolle).
Über das Sein in und mit der lebendigen Natur kann der Patient lernen, sich ganz anzunehmen und sein Selbst zu heilen.